Phonetik und Phonologie


Phonetik und Phonologie
Phonetik und Phonologie
 
Sprache wird gesprochen und gehört oder geschrieben und gelesen. In der gesprochenen Sprache drücken wir uns in einem kontinuierlichen Strom von Lauten aus. Fast alle diese Sprachlaute werden bei der Ausatmung erzeugt, die sich hierdurch auf etwa fünf bis zehn Sekunden verlängert: Der Luftstrom, der die Lunge verlässt, wird zunächst durch den Kehlkopf mit Stimmritze und Stimmbändern gepresst und gerät dabei in Schwingungen, die in Mund- und Nasen-Rachen-Raum, dem Ansatzrohr, ausgeformt werden. Weitere charakteristische Veränderungen erfahren sie, indem der Luftstrom in einigen Fällen Engen passieren muss, die teilweise vom Zäpfchen, mithilfe der Zunge an Zähnen und Gaumen oder auch an den Zähnen sowie mit den Lippen gebildet werden. Nachdem der Luftstrom durch den Mund und/oder die Nase ausgetreten ist, breiten sich die Schwingungen aus und gelangen schließlich als Laute an das Ohr.
 
Allerdings ist keines der Artikulationsorgane so ausschließlich der Lautbildung vorbehalten wie etwa die Augen dem Sehen. Lippen, Zähne, Kiefer, Zunge und Rachen dienen in erster Linie der Nahrungsaufnahme, Nase, Luftröhre sowie Lungen der Atmung, und der Kehlkopf ist zunächst ein Ventil, das ein Verschlucken verhindert. Mit der Artikulation haben diese Körperteile eine zusätzliche Funktion übernommen, zu deren gemeinsamen Erfüllung sie sich im Laufe der Menschheitsentwicklung weiter ausgebildet haben. Heute variieren sie zwar bis zu einem gewissen Grade insbesondere mit Geschlecht und Alter, doch sind sie ansonsten bei allen Menschen gleich. Diese Entwicklung wiederholt sich teilweise beim Säugling: Der Kehlkopf als das eigentlich stimmbildende Organ senkt sich erst etwa zehn Monate nach der Geburt so weit ab, dass an den Stimmbändern die Grundschwingung des Luftstroms erzeugt werden kann, womit jedoch die Fähigkeit der Säuglinge verloren geht, gleichzeitig zu atmen und zu essen.
 
 Artikulatorische Klassifikation
 
Orientiert an dem komplexen Zusammenspiel der Artikulationsorgane, an dem insgesamt ungefähr 100 Muskeln beteiligt sind, können die Laute unter anderem nach Artikulationsart, Artikulationsort und Stimmhaftigkeit eingeteilt werden. Laute sind stimmhaft beziehungsweise stimmlos, je nachdem, ob sie mit oder ohne Stimmton hervorgebracht werden. Vokale sind stets stimmhaft und zeichnen sich dadurch aus, dass der Luftstrom das Ansatzrohr relativ ungehindert passiert. Bei der Erzeugung von Konsonanten hingegen muss er die bereits erwähnten Engstellen überwinden, die die Lippen, die Zunge an Zähnen und Gaumen sowie zum Teil das Zäpfchen bilden.
 
Unter Bezug auf den Artikulationsort bezeichnet die Phonetik Laute, die durch einen Verschluss der Lippen (Labiae) artikuliert werden, als labial. Sie kommen im Falle der bilabialen Laute, beispielsweise [m] und [b], durch eine Berührung von Ober- und Unterlippe zustande, während labiodentale Laute wie die deutschen Laute [v] und [f] entstehen, wenn die Unterlippe die obere Zahnreihe berührt und so den austretenden Luftstrom behindert. Stößt die Zunge an die Zähne (Dentes) und modifiziert damit den Luftstrom, werden dentale Laute hörbar. Zu ihnen gehören [t] und [d]. Alveolare Laute wie [s] und [z] werden mit der Zungenspitze am Gaumenrand (auch Zahnfach oder Zahndamm genannt; Alveoli) gebildet. Liegt der Zungenrücken am harten Gaumen (Palatum), werden palatale Laute, zum Beispiel [ j ] oder [ʎ], erzeugt, geht er in Richtung des weichen Gaumens, dann vibriert das Gaumensegel (Velum) membranartig und es entstehen velare Laute, etwa [g] [k] und [Ȗ]. Die Bildung des Zäpfchen-[R] beruht auf einer Vibration des Zäpfchens (Uvula), weshalb dieser Laut als uvular bezeichnet wird. Glottale Laute wie das [h] schließlich, um nur die wichtigsten Charakterisierungen zu nennen, entstehen bei Behinderung des Luftstromes durch die Stimmritze (Glottis).
 
Nach der Art und Weise, wie der Luftstrom bei der Artikulation von Lauten gehemmt wird, können Nasale, Plosive und Frikative unterschieden werden: Erstere entstehen, wenn das Gaumensegel gesenkt ist, sodass die Luft ganz oder teilweise durch die Nase entweichen kann. Dabei werden etwa die Laute [Ȗ] oder [m] erzeugt. Bei den Lauten [ p ] oder [ f ] zum Beispiel ist das Gaumensegel dagegen angehoben; es verschließt den Zugang zur Nase und lenkt den Luftstrom (wie beim Aufblasen eines Ballons) ausschließlich in die Mundhöhle. Dementsprechend werden die Laute als oral bezeichnet. Plosive werden artikuliert, indem die Luft zunächst durch einen Verschluss am Austreten gehindert wird, der dann plötzlich gelöst wird. Dies gilt unter anderem für die Artikulation der Laute [b] und [ p]. Wird die Stimmritze abrupt geöffnet, entsteht der Knacklaut, ein glottaler Plosiv. Er wird in der deutschen Orthographie nicht geschrieben und bildet im Deutschen regelmäßig den Auftakt vor vokalisch beginnenden Wörtern. Man hört das Grenzsignal zum Beispiel in mehr Eis (im Unterschied zu mehr Reis). Als Frikative bezeichnet die Phonetik Laute, die dadurch erzeugt werden, dass in der Mundhöhle eine Engstelle gebildet wird, an der sich die ausströmende Luft reibt und ein Rauschen erzeugt. Auf diese Art und Weise werden Laute wie [f] [v] oder [ç] hervorgebracht.
 
Eine andere Art lautlicher Modulation ist die Aspiration. Gemeint ist damit jener Hauch, den das Deutsche der Bildung etwa der stimmlosen Plosive [ p] [t] und [k] folgen lässt, bevor der Stimmton des Vokals einsetzt. Obwohl diese Verzögerung nur etwa 0,1 Sekunden beträgt, hat sie einen hörbaren Effekt. So unterscheidet sich beispielsweise die deutsche Aussprache des Namens Peter von der französischen: [ p] wird im Französischen nie aspiriert.
 
 Die Artikulation der Vokale
 
Verglichen mit der Erzeugung der Konsonanten tritt der Luftstrom bei der Bildung aller Vokale, wie erwähnt, relativ ungehindert aus. Gleichwohl variiert auch die Entstehung dieser Laute nach Art und Ort ihrer Artikulation. Sprachen wie etwa das Französische kennen sowohl nasale als auch orale Vokale. So ist der zweite Vokal in loin [lwɛ̃] (französisch »weit«) nasal, der gleich geschriebene Vokal in loi [lwa] (»Gesetz«) dagegen nicht. Daneben werden Vokale, darunter im Deutschen die Laute [o] und [u], mit gerundeten Lippen, sozusagen mit gespitztem Mund, gebildet, während Laute wie [a] oder [i] mit entspannten Lippen erzeugt werden.
 
Vor allem aber unterscheiden sich die Vokale in der Stellung, die die Zunge bei ihrer Bildung einnimmt. Während [i] und [u] in der deutschen Sprache entstehen, indem die Zunge angehoben wird, liegt die Zunge bei der Erzeugung des Lautes [a] tief im Mund. Bei der Aussprache der Vokale [e] und [o] schließlich nimmt sie eine Mittelstellung ein. Darüber hinaus werden die Vokale [i] und [u] jeweils bei enger, die Phonetik spricht von geschlossener, Kieferstellung erzeugt, wohingegen die Laute [a] und [o] mit offenem Kiefer gebildet werden. Schließlich können auch alveolare Vokale von palatalen unterschieden werden. Die alveolaren Laute [i] und [e] entstehen, wenn der Resonanzraum im vorderen Mundbereich modifiziert wird, die palatalen Laute [u] und [o] werden bei einer entsprechenden Veränderung im hinteren hörbar. Alle diese Charakterisierungen sind vereinfachend, da sie dem Artikulationsschema von Ideallauten entspricht. Tatsächlich bilden die artikulatorischen Möglichkeiten beispielsweise bei der Bildung der Lautfolge [i] [e] und [a] ein lautliches Kontinuum.
 
Außerdem sind Vokale, um auch hier nur die wichtigsten Charakteristika zu nennen, die die Phonetik unterscheidet, durch ihre Artikulationsdauer gekennzeichnet. Das kann etwa bei Bahn [ba:n] und Bann [ban] zur Unterscheidung von Wörtern genutzt werden, obwohl die Vokalquantität physikalisch nur schwer zu messen und überdies häufig individuell ausgeprägt ist.
 
 Vom Phon zum Phonem
 
Das Beispiel der Artikulationsdauer verweist auf ein grundsätzliches Problem, das sich mit der Lauterkennung verbindet: Weil Sprachlaute kontinuierlich gebildet werden, sind einzelne Laute nur schwer zu isolieren; selbst Röntgenaufnahmen erlauben nicht ohne weiteres eine Zuordnung physiologischer Vorgänge zu den jeweils unterscheidbaren Lauten. Auch besitzt jeder Sprechende eine eigene Stimmlage und artikuliert überdies bei verschiedenen Gelegenheiten mit anderer Lautstärke und Geschwindigkeit. Das macht den Übergang von der Lautgestalt zu dem, was wir als einzelne Laute oder gar Wörter wahrnehmen, zu einem schwierigen Unterfangen, zumal sich die Sprachen in ihren Lauten und in den Regeln ihrer Verknüpfung zu Wörtern unterscheiden, man denke nur an das englische [θ] in Wörtern wie to think oder das deutsche [x] etwa in Bach.
 
Der Beitrag der Laute zum Aufbau von Wörtern und Texten ist komplizierter als man glauben möchte. Es ist unmöglich, einen auf Band gesprochenen Text in den Lauten entsprechende Stücke zu zerschneiden und diese Stücke wieder zu einem Band zu verknüpfen, das einen anderen Text wiedergibt. Der Grund dafür sind die Eigenschaften von Lauten, die in bestimmten Umgebungen für die Identifizierung von Wörtern wichtig sind, in anderen aber nicht. So wird der Vokal des Imperativs komm! im Süddeutschen als geschlossen [o] artikuliert, standardsprachlich jedoch als offenes [ɔ]. Obwohl beide Laute verschieden sind, hören wir immer dasselbe Wort und nehmen den artikulatorischen Unterschied nicht wahr. Wird die Vokalöffnung weiter zu [a] vergrößert, können wir die Lautfolge nicht mehr als komm! verstehen und hören stattdessen Kamm.
 
Innerhalb einer gewissen Bandbreite kann die individuelle Abwandlung, die die Artikulation der einzelnen Laute oder Phone beim Sprechen erfährt, demnach noch als Variation des Grundmusters gelten, nach dem das Phonem als die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit einer Sprache erzeugt wird. Bezogen auf das eben erwähnte Beispiel heißt das: Weil sowohl das Phon [o] als auch das Phon [ɔ;] in der deutschen Sprache für das Phonem /o/ steht, hören wir trotz einer dialektalen Einfärbung stets das Wort komm!. Dagegen verstehen wir das Phon [a] als Realisierung des Phonems /a/ und hören das Wort Kamm. Wir können also bestimmte Lautfolgen der deutschen Sprache trotz gewisser Variationen ihrer Aussprache eindeutig als Realisierungen desselben Wortes erkennen, wohingegen wir selbst vorbildlich artikulierten Lautfolgen in uns fremden Sprachen ratlos gegenüber stehen, wenn wir deren Bedeutung nicht erschließen können.
 
Die Kontrastierung von Phonen verliert allerdings ihre Funktion, wo nur ein Phonem stehen kann. So sind die beiden Phone [s] und [ʃ] im Deutschen regelmäßig zu Phonemen /s/ beziehungsweise /sch/ zugeordnet, denn in ihnen unterscheiden sich Wörter wie zum Beispiel Sein und Schein oder lass und lasch. Unmittelbar vor /p/ und /t/ jedoch wird die Differenzierung im Wortsinne bedeutungslos. So stolpert man in der Gegend um Bremen über den spitzen [stein], während man anderenorts einen [ʃtein] im Brett haben kann — und dabei mit beiden Lautfolgen denselben »Gegenstand« meint.
 
Prof. Dr. Volker Beeh, Düsseldorf
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Schrift: Festhalten von Sprache
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Sprache: Einige allgemeine Eigenschaften

Universal-Lexikon. 2012.